Warum Irritation für unsere Weiterentwicklung wichtig ist

Als Dick Fosbury bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko im Hochsprung eine bis dato völlig unbekannte Sprungtechnik anwandte, hielten ihn viele für einen Spinner. Er wagte, was sich bislang noch niemand vor ihm getraut hatte: Er übersprang die Messlatte in einer Rückwärts- statt in einer Vorwärtsbewegung und stellte mit 2,24 m einen neuen Weltrekord auf. Der seitdem nach ihm benannte Fosybury-Flop ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein Musterwechsel zu neuen Höchstleistungen bzw. zum Olympiasieg führen kann.[1][2]

Fosbury’s Beispiel veranschaulicht sinnbildlich, dass bestehende Muster irgendwann an ihre Leistungsgrenze stoßen. Innerhalb etablierter Systeme, Märkte oder Unternehmen sind an vielen Stellen nur noch minimale Funktionsoptimierungen möglich. Irgendwann stößt jedes Muster an seine Grenzen. Leistungssteigerungen, mehr Wachstum und neue Rekorde sind dann nur über einen Musterwechsel möglich. 

Bezogen auf unsere ökonomische Entwicklung gilt das im gleichen Maße: Durch die fortschreitende Globalisierung mit ihren zunehmenden internationalen Verflechtungen, hat sich die Weltwirtschaft zu einem hochdynamischen, nicht-linearen System entwickelt, von dem niemand weiß, wohin es sich weiterentwickeln wird. Nichts ist heute so sicher wie der Wandel und das zukünftige Navigieren in völlig unbekannten Gewässern. Gleichzeitig gibt es ein großes Beharrungsvermögen an bekannten Mustern festzuhalten.

Warum tun wir das so gerne? Ganz einfach: Weil uns unsere Muster im privaten wie im unternehmerischen Kontext das Gefühl von Sicherheit und Stabilität geben. Veränderungen lösen bei den meisten Menschen eher Verunsicherung als Begeisterung aus, weil sie immer Gefahr laufen, bisher Erreichtes einzubüßen oder bewährte Strukturen gegen neue, unbekannte Methoden mit ungewissem Erfolg eintauschen zu müssen. Doch ist Instabilität wirklich etwas Bedrohliches oder ist sie vielmehr die notwendige Bedingung für einen persönlichen und unternehmerischen Musterwechsel?

"Irritation ist unser bester Freund"

Wandel und Innovation lassen sich nicht verordnen und schon gar nicht über Mechanismen der Angst implementieren. Auch wenn dies von zahlreichen Politikern und Unternehmensberatern als Werkzeug genutzt wird, um die eignen Interessen zu befördern und mit dieser Angst Geschäfte zu machen.

Doch Angst zementiert Muster und führt zu Vermeidungsstrategien, die auf ein geringst mögliches Risiko gerichtet sind. Soll wirklich ein Schritt in die Zukunft gemacht werden, braucht es ein konkretes Zielbild, das für die Menschen erfahrbar wird. Nicht umsonst kommt der Begriff Vision vom lateinischen „visio“. Erst wenn wir uns vorstellen können, dass etwas Neues attraktiver ist als das, was wir bereits kennen, gibt es überhaupt einen Grund, in diese Richtung zu schauen. Christoph Kolumbus, der sich 1492 in völlig unbekannte Gewässer aufmachte, um unbekanntes Land zu entdecken, gelang es, Financiers und Mannschaft zu gewinnen. Er vermittelte ihnen eine plastische Vorstellung seiner Vision und begeisterte sie für die Idee eines westlichen Seewegs nach Indien sowie die damit verbundenen Reichtümer.

Die Mischung aus Irritation und Neugier ist deshalb eine der stärksten „Antreiber“, um sich überhaupt mit unbekannten Dingen zu beschäftigen. Irritation signalisiert uns, dass wir an die Grenzen unserer bestehenden Muster gelangt sind. Solange es uns gelingt, mit unseren vorhandenen Mustern Lösungen zu finden, die haltbar sind, reicht uns dies in den meisten Fällen als Erklärung aus.

Sind wir bereit, die Irritationen gezielt anzuschauen und als Impuls zu nutzen, um neue Wege und Ziele zu finden, besteht die Chance, wirklich Neuland zu betreten. Für Unternehmen bedeutet dies häufig wettbewerbsfreie Zonen zu erreichen, statt im Preiskampf zu sein. Für Menschen bedeutet dies, neue Ziele zu finden sowie Gelassenheit und Symmetrie anstelle von Stress zu erfahren.

„Die Methoden des Neuro-Linguistischen Programmierens bieten zahlreiche kunstvolle Wege, um neue Muster und Visionen zu finden und Veränderungsprozesse zu gestalten[3]. Da alle Veränderungsprozesse nur dann gelingen, wenn die beteiligten Menschen diesen Prozess tragen, ist es von grundlegender Bedeutung, dass sie diese neuen Ideen in ihrem mentalen Raum abbilden können. Mit den Methoden aus der Neurobiologie und der sogenannten Mental Space Psychology gelingt es, diese mentale Öffnung sowie ungewöhnlich innovative Lösungen zu erzielen“, hebt Ekkehart Padberg, Geschäftsführer der Padberg-Beratung, hervor.

Letztendlich gehe es für Unternehmen um die Frage: „Wer wollen wir als Unternehmen im Markt sein?“ Bei persönlicher Veränderung lautet sie: „Wer will ich sein?“ Gemeinsam ist beiden Fragestellungen der Fokus darauf, was mich als Einzelperson oder eine Firma von diesem Ziel abhält. 

 

Die Kernkompetenzen nutzen, um Neuland zu entdecken und zu gestalten

Die private wie die unternehmerische Perspektive zeigt, dass es nicht darum geht, völlig anders zu werden und uns oder ein Unternehmen ganz neu zu erfinden. Vielmehr geht es darum, die Kernkompetenzen für eine veränderte Welt heute und in der Zukunft anzupassen oder zu erweitern. Gleichzeitig gilt es, Hemmnisse aus der Vergangenheit aufzuklären und in hilfreiche Muster zu transformieren.

Wesentliche Grundfragen für einen solchen Prozess lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Wer will ich sein, wenn ich mir die Freiheit zugestehe, dies zu 100% zu sein?
  • Was hält mich auf der zu sein, der ich sein will?
  • Welche Kernkompetenzen, Talente habe ich, die mich tragen?
  • Welche Ressourcen kann ich aktivieren, um dies zu erreichen?
  • Wie kann ich die Irritationen in meinem Leben nutzen, um Neuland zu entdecken?
  • Welche Konsequenzen hat das Erreichen dieses Ziels und bin ich bereit, den Preis dafür zu zahlen?

Schon mit diesen Grundfragen lässt sich überprüfen, ob es überhaupt eine Veränderungsbereitschaft gibt und welche ersten Lösungsansätze sich hieraus ergeben.

„Sicher ist, dass unabhängig von unserer Bereitschaft die Zukunft aktiv zu begegnen, diese geschehen wird. Und egal, ob wir bereit sind, Konsequenzen einzugehen, es wird immer Konsequenzen geben, die aus unserem jetzigen Verhalten resultieren. Daher lautet die Frage nicht, ob wir bereit sind mit der Zukunft umzugehen, sondern ob wir in der Lage sind, diese aktiv und kunstvoll zu gestalten“, betont Ekkehart Padberg.

[1] Kruse, Peter, Prof. Dr., next practice, Erfolgreiches Management von Instabilität, Veränderung durch Vernetzung, Offenbach, 8. Auflage, 2014. Vgl. zum Fosbury-Flop S. 21 f. 

[2]www.youtube.com/watch

[3]Padberg, Ekkehart, Management by Excellence, Gabler-Verlag, Wiesbaden, 2010.