Wie Unternehmen das richtige Maß an Langeweile fördern

Albert Einstein und Isaac Newton sind zwei der berühmtesten Beispiele für die kreative Kraft der Langeweile. Im Jahr 1905 langweilte sich Albert Einstein während seiner Anstellung im Berner Patentamt fast zu Tode. Gleichzeitig gingen ihm in dieser Zeit viele Ideen durch den Kopf, die er in seiner Freizeit weiterentwickelte. Das Ergebnis war nichts Geringeres als die Relativitätstheorie.[1] Ebenso erging es Isaac Newton. Tagträumend unter dem heimischen Apfelbaum sitzend, fiel ihm ein Apfel senkrecht auf den Kopf und lieferte den entscheidenden Denkanstoß für seine Gravitationstheorie.[2]

Wenn Sie sich selbst während der Arbeit dabei ertappen, minutenlang aus dem Fenster zu schauen, könnten Sie auf dem besten Weg sein, eine kreative Lösung für ein Problem zu finden, über das Sie schon lange brüten. Verantwortlich hierfür ist das sogenannte Defaut-Netzwerk[3]in unserem Gehirn: Ist uns langweilig, ist unser Gehirn nur vermeintlich im Ruhezustand. Quasi wie von selbst kommen wir in einen Modus des Tagträumens, bei dem neurobiologisch die Reflexion und Selbstreflexion einsetzen. In diesem Modus kommunizieren unsere träumerischen und bewussten Gehirnareale miteinander und führen zu Lösungen, zu denen wir im Alltagsstress nie gekommen wären.

Die Evolution hat uns hierdurch mit einer Ressource ausgestattet, die uns eben dann besonders kreative Lösungen liefert, wenn wir einfach mal eine kurze Zeit abschalten. Was wir uns während unserer Freizeit oder im Urlaub zugestehen, ist am Arbeitsplatz verpönt: Denn wer sich langweilt, wird schnell als faul, träge und wenig kreativ eingestuft. 

Lieber Schmerzen als Langeweile

Doch statt uns einfach mal gezielt eine kurze „langweilige“ Auszeit zu nehmen, ist diese für viele Menschen nur schwer zu ertragen. Sie ziehen sogar Schmerzen dem Nichtstun vor, wie ein Experiment zeigte, das vor 15 Jahren international für Aufsehen sorgte: 42 Teilnehmer wurden nacheinander in einen schmucklosen Raum gesetzt, um für 15 Minuten nichts zu tun. Während dieser Zeit dürften sie den Raum nicht verlassen, sondern sollten die ganze Zeit still auf einem Stuhl sitzen. Die einzige Möglichkeit in irgendeiner Form aktiv zu werden, bestand darin, sich selbst via Stromstößen Schmerzen zuzufügen. 

Wer glaubt, dass die Mehrheit diese überschaubare Zeitspanne für eine gemütliche Auszeit nutzte, irrt leider: Zweidrittel der Männer und jede vierte Frau führten sich selbst lieber schmerzhafte Stromstöße zu, da sie diese kurze Zeit der Untätigkeit nicht aushalten konnten. 

Das sagte eine Menge darüber aus, wie sehr wir uns buchstäblich selbst unter Strom setzen, um das berufliche oder private Hamsterrad unseres Lebens immer weiter zu drehen, und wie schwer uns gezieltes Innehalten fällt. Selbst die Wissenschaft erkennt erst langsam das kreative Potenzial der Langeweile an, die sie lange Zeit als „dunkle Energie“ unseres Gehirns behandelt hat. 

Bore-Out und Burn-Out schaden Mitarbeitern und Unternehmen gleichermaßen

Doch so kreativ und anregend es sein kann, wenn wir uns über einen kurzen Zeitraum bei der Arbeit langweilen, so gefährlich ist chronische Langweile[4], auch Bore-Out genannt: Wer das Gefühl hat, dauerhaft unterfordert zu sein, ist genauso gesundheitsgefährdet wie ein Mitarbeiter oder eine Führungskraft, die sich ständig überarbeiten und kurz vor dem Burn-Out stehen. Mit Gereiztheit, Schlafstörungen, Herz-Kreis-Lauf-Problemen, Bluthochdruck und psychischen Erkrankungen bis hin zur Depression ähneln sich beide Krankheitsbilder.

Die Krux hierbei: Der Burn-Out der einen, ist oft der Bore-Out der anderen. Der wirtschaftliche Schaden steigt für ein Unternehmen in beiden Fällen durch die sinkende Produktivität und die steigenden Krankheitstage. Hinzu kommt, dass ein Mitarbeiter, der sich chronisch langweilt, dies nur ungern seinem Vorgesetzten oder Chef gegenüber zugibt und dadurch das Problem noch verstärkt.

Umgekehrt fühlen sich Führungskräfte häufig dadurch geschmeichelt und vom Chef besonders gewürdigt, wenn sie immer mehr Arbeit auf ihre Schultern gepackt bekommen und dabei aus dem Auge verlieren, an wen sie Aufgaben delegieren könnten. Sie entwickeln oft einen Tunnelblick, bei dem sie nur noch ihre wachsende Arbeitslast sehen und gleichzeitig nicht zugeben wollen, dass sie überfordert sind. Das ist häufig der Anfang eines Burn-Outs. Gefördert wird dieser meist noch durch ein Bonus-Versprechen des Chefs oder der Unternehmensleitung. 

Wie lässt sich also das richtige Maß zwischen Bore-Out und Burn-Out mit einer kreativen Portion Langeweile in den unternehmerischen Alltag integrieren? 

Den fast 20-jährigen Erfahrungen der Padberg-Beratung aus Managementberatung, Training und Coaching zufolge zählen hierzu drei Kernelemente:

  1. Wertschätzung und Vertrauen
    sind die wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass Kreativität in einem Unternehmen überhaupt entstehen kann. 
  2. Miteinander in Kontakt kommen
    Damit Wertschätzung und Vertrauen wachsen und fester Bestandteil der Unternehmenskultur werden können, brauchen Mitarbeiter die Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu kommen und sich hierarchieübergreifend kennenzulernen und auszutauschen. Spielräume im buchstäblichen Sinn bieten hierfür die besten Voraussetzungen. 
  3. Kreativität braucht Spielräume 
    Unternehmen wie Google haben dies schon lange begriffen, und immer mehr Firmen eifern dem nach. Sie schaffen Kreativitäts- und Ruheräume, in denen die Mitarbeiter Sport machen, spielen, sich begegnen und austauschen oder einfach ausruhen können. Unternehmen, die ihren Mitarbeitern dagegen wenig oder gar keine „Spielräume“ lassen, dürfen sich nicht wundern, wenn ihre Angestellten nach kurzer Zeit nur noch „Dienst nach Vorschrift“ machen und keine kreativen Lösungen bieten, die für den Erfolg jedes Unternehmens maßgeblich sind.
  4. Selbstwirksamkeit
    Mitarbeiter und Führungskräfte müssen erleben können, dass ihre Ideen und ihre Arbeit zum Erfolg des Unternehmens beitragen. Nichts beflügelt Menschen so sehr, wie der eigene Erfolg und zu erleben, wie die eigenen Fähigkeiten zum Erfolg eines größeren Ganzen beitragen.

Fazit

„Dass sich Mitarbeiter langweilen, ist in keinem Unternehmen auszuschließen. Hieraus können aber nur dann kreative und innovative Lösungen erwachsen, wenn die Mitarbeiter überhaupt das Vertrauen haben, dass ihre Ideen im Unternehmen Resonanz finden und die notwendigen Spielräume für deren Umsetzung bestehen. Und nur in einer vertrauensvollen Kultur werden sie sich auch offen dazu äußern, wie sie die aktuelle Arbeitsbelastung empfinden und wo sie sich neue Aufgaben bzw. eine Entlastung wünschen“, fasst Ekkehart Padberg, Geschäftsführer der Padberg-Beratung zusammen. 


[1]Vgl. ZDF-Mediathek 05.12.2017, Wissen, Leschs Kosmos: Die geheime Macht der Langeweile. In dem Beitrag wird auch das angesprochene Experiment ausführlich behandelt. www.zdf.de/wissen/leschs-kosmos/die-geheime-macht-der-langeweile-106.html

[2]de.wikipedia.org/wiki/Newtonsches_Gravitationsgesetz

[3]Vgl.: de.wikipedia.org/wiki/Default_Mode_Network
Das Default Mode Network wurde 2001 entdeckt, als Neurowissenschaftler die aktivierten Gehirnareale im vermeintlichen Ruhezustand mit geschlossenen Augen oder ruhig auf einen Punkt fixiertem Blick mit denen verglichen, die während der Lösung von konkreten Aufgaben aktiviert waren. Sie fanden Gebiete, die im Ruhezustand aktiver waren als bei der Konzentration. Nachdem sie Fehldarstellungen ausgeschlossen hatten, erkannten sie, dass das Gehirn Hintergrundaktivitäten zeigt, die im Ruhezustand vorherrschen aber bei der Konzentration auf konkrete Funktionen heruntergefahren werden.

[4]Zeit online 06.11.2013, Tina, Groll: Langeweile ist ein Gesundheitsrisiko
https://www.zeit.de/karriere/beruf/2013-11/langeweile-stress-kreativitaet